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„Seealpsee Alpstein: Warum ich um 3:15 Uhr aufstehe und du es auch solltest"

Der Seealpsee Eine Liebesgeschichte mit Hindernissen

Es gibt Orte auf dieser Welt, die sich ins Herz einbrennen wie ein Sonnenaufgang in den Alpen – unvergesslich, ehrfurchtgebietend und irgendwie ein bisschen schmerzhaft schön. Der Seealpsee im Alpstein ist so ein Ort. Eine Perle der Natur, ein Juwel, das seinesgleichen sucht. Ich kenne ihn seit vielen Jahren, und wie es bei langen Beziehungen nun mal so ist: Man hat nicht nur die schönen Seiten kennengelernt.

Früher war alles besser? Nein. Aber anders

Es gab eine Zeit, da war der Alpstein für mich ein magischer Ort. Ein Ort zum Auftanken, zum Abschalten, zum einfach nur Sein. Die Berge haben mir etwas gegeben, das ich anderswo nicht finden konnte: Stille.

Diese Stille existiert noch. Man muss sie nur ein wenig früher aufsuchen als früher.

Heute nämlich – vor allem an Samstagen – ist der Parkplatz in Wasserauen bereits um 8 Uhr morgens so voll, als würde Zürich seinen gesamten Inhalt in Richtung Appenzell entleeren. Eine bunte Menschenmasse quält sich den Berg hinauf: manche mit Wanderschuhen und Erfahrung, andere mit Migros-Tragtaschen und Adiletten. Man urteile nicht – auch das ist eine Form von Abenteuerlust.

Am Rucksack hängt hier und da eine Bluetooth-Box, die einen mit charmantem Bass den Berg hinaufbegleitet. Und zwischendurch vernimmt man ein leises Surren in der Luft – nein, das sind nicht die heimischen Schmetterlinge der Appenzeller Natur. Es sind Drohnen. Vielleicht beobachten sie, wie man sich schwitzend den Hang hinaufbewegt. Vielleicht wird man später ein kleiner Instagram-Star, ohne je eine Bewerbung eingereicht zu haben.

Das Leben hat seine eigenwilligen Überraschungen.

Akzeptanz der unterschätzte Wanderbegleiter

Versteht mich nicht falsch: Ich hadere nicht mit dieser Entwicklung. Mein innerstes Ich hat das schon lange akzeptiert. Auch ich bin hin und wieder Teil dieser fröhlichen Wanderkarawane – wenn auch selten und mit schlechtem Gewissen, das ich dann beim Aufstieg wegschwitzen kann.

Der Alpstein ist heute kein stilles Refugium mehr. Er ist ein lebendiger Ort, an dem man auf allerlei Menschen trifft: solche, die im tiefsten Appenzell nach Almdudler fragen, und solche, die vergebens nach Ruhe suchen. Beides ist irgendwie rührend.

Das Rezept für Magie: Der frühe Vogel fängt den Wurm

Menschen in meinem Umfeld fragen mich manchmal, wie ich es schaffe, immer so schöne Fotos vom Alpstein zu machen. Die Antwort ist simpel – und wird die meisten enttäuschen:

Der Wecker klingelt um 3:15 Uhr.

Spätestens halb fünf stehe ich am Einstieg zur Wanderung. Noch ehe die Welt aufgewacht ist, bin ich bereits unterwegs.

Und dann geschieht etwas Wunderbares.

Die Morgenstille ist eine ganz eigene Sprache. Die ersten Sonnenstrahlen tasten sich über die Bergkuppen, als würden sie vorsichtig prüfen, ob der Tag es auch verdient hat, zu beginnen. Der Geruch von frischer Bergwiese oder dürrem Heu steigt auf – zu schön, um wahr zu sein, und doch absolut real. Die Berge gehören einem allein, zumindest für diese kostbaren Stunden.

Das ist die Ruhe vor dem Sturm. Und dieser Sturm kommt verlässlich. Aber zu diesem Zeitpunkt bin ich längst im Gespräch mit den Bergen.

Das Ziel: Geniessen – und rechtzeitig weg sein

Die Philosophie ist klar: geniessen, so viel es geht, und spätestens um 11:00 Uhr wieder beim Auto sein. Vor der Heimfahrt aber – das ist Pflicht, kein Vergnügen, sondern ein Ritual – ein Fussbad im Bergbach. Die Füsse haben schliesslich ganze Arbeit geleistet und verdienen ein bisschen Wertschätzung.

 

"Der Seealpsee ist noch immer ein Juwel. Er hat sich nur ein breiteres Publikum gesucht. Wer die Stille sucht, der findet sie – man muss nur früher aufstehen als die Masse. Und ein bisschen früher aufstehen als früher auch.

Der Berg wartet. Er wartet jeden Morgen. Er hat Zeit."

So kommst du aus Zürich in den Alpstein Eine Reise in drei Akten

Akt I  Zürich HB: Der Aufbruch

Die Reise beginnt am Zürich Hauptbahnhof – jenem ehrwürdigen Ort, an dem täglich Zehntausende Menschen zielsicher in die falsche Richtung laufen. Du weisst, wohin du willst: in den Alpstein. Zum Seealpsee. Zur Stille. Zur Natur.

Steig ein in den IR13 Richtung St. Gallen. Die Fahrt dauert rund eine Stunde – genug Zeit, um deinen Rucksack dreimal umzupacken, festzustellen dass du die Sonnencreme vergessen hast, und den Zugbegleiter nach dem WLAN-Passwort zu fragen. (Es gibt keines. Das ist der erste Schritt zur Entschleunigung.)

Akt II Gossau SG: Das Umsteigen

In Gossau steigst du um. Hier verlässt du das Hochglanz-SBB-Universum und betrittst die charmante Welt der Appenzeller Bahnen – jene rot-weissen Züglein, die aussehen als wären sie direkt aus einem Heidi-Film entlaufen. Und zwar absichtlich.

Die S23 bringt dich gemütlich durch das Appenzellerland: vorbei an grünen Hügeln, Kühen mit mehr Seelenfrieden als die meisten Stadtmenschen, und Ortschaften, deren Namen du beim ersten Lesen für Tippfehler hältst. Steinegg. Weissbad. Schwende. Alles echt, alles wunderschön.

Gesamtfahrzeit ab Zürich: knapp zwei Stunden. Zwei Stunden, in denen du innerlich vom Stadtmenschen zum Bergmenschen wirst. Oder zumindest so tust als ob.

Akt III Wasserauen: Ankunft am Ende der Welt

Die Endstation heisst Wasserauen – und hier hört die Bahn auf. Nicht weil niemand weiterdenken wollte, sondern weil danach einfach Berg kommt. Viel Berg.

Du steigst aus. Die Luft riecht anders. Besser. Irgendwo muht eine Kuh. Ein Bach rauscht. Und vor dir liegt der Weg hinauf zum Seealpsee.

Ab jetzt bist du auf dich gestellt. Zwei Beine, gute Schuhe – und bitte keine Adiletten.

Kurzfassung für Eilige:

Zürich HB → IR13 → Gossau SG → S23 → Wasserauen Dauer: ca. 2 Stunden | Umstieg: 1x | Schwierigkeitsgrad: auch ohne Bergführer machbar

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Kommentare: 1
  • #1

    Sascha Derungs (Montag, 08 Juni 2026 21:46)

    Ich musste schmunzeln als ich den Text gelesen habe. Toll geschrieben gepaart mit deinem Humor. I LOVE IT!

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